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Stare über Berlin
Ästhetische Analogien des Vogelsangs – Symposium, Ausstellungen, Konzerte
3.- 24. September 2004 gefördert vom Hauptstadt Kulturfonds
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in Cooperation mit:
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Idee und Leitung: Tilman Küntzel, Produktionsleitung: Regina Tetens, Praktikantin: Nina Orth, Redaktion: Diana Keppler, Lektorat: Stefan Fricke (Pfau Verlag), Technische Leitung: Martin Kleinmichel, PR: Angeles Galbis Amoros, Katharina Telschow, Ute Beyer, Projektleitung Podewil: Elke Moltrecht, Projektleitung Stiftung Stadtmuseum: Daniela Döring, Partner: Berliner Kulturveranstaltungs-Gesellschaft, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Staatsoper unter den Linden, Museums[insel]festival

Mit besonderen Dank an: Prof. Dr. Dietmar Todt (Professor Emeritus für Verhaltensbiologie an der Freien Universität Berlin), Prof. Dr. Rudolf zur Lippe (Philosoph), Adrienne Goehler (Haupstadt Kulturfonds), Elke Moltrecht (Podewil), Dr. Kurt Winkler (Stadtmuseum Berlin), Jörn Weisbrodt (Staatsoper unter den Linden), Rainer Kranich (Museums[insel]festival), Oliver Schneller (Komponist), Daniela Döring (Stadtmuseum Berlin)
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v.l.n.r. Martin Kleinmichel, Diana Keppler, Regina Tetens, Nina Orth, Daniela Döring, Elke Moltrecht, Tilman Küntzel

Tilman Küntzel
STARE ÜBER BERLIN

Ästhetische Analogien des Vogelsangs – Klangkunst trifft Bioakustik
Im Zentrum Berlins auf der Museumsinsel versammeln sich jedes Jahr zwischen Juli und September allabendlich bis zu 40.000 Stare und konzertieren in ihren angestammten Schlafbäumen im Kastanienhain zwischen Friedrichsbrücke und Dom. Die Stare sind hervorragende Imitatoren von Stimmen und Geräuschen ihrer unmittelbaren Umgebung. Evolutionär steht die Lern- und Rezitationsfähigkeit in direktem Zusammenhang mit ihrem Sozialverhalten, das sich zum Beispiel in den beschriebenen Massenansammlungen als kollektivem Schutzverhalten ausdrückt.
Mit dem Projekt PAROCHIALE GESÄNGE, für das ich 2003 das Berliner Klangkunst Stipendium der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur erhielt, untersuchte ich dieses Phänomen. Die Recherchen kulminierten in Fragestellungen zu Organisation und Leistung auditorisch-vokaler Gedächtnisse, die auf wahrnehmungspsychologische Mechanismen des Menschen übertragbar sind.
Da bei fortschreitender Recherche dieses Projekt immer tiefer in die Geisteswissenschaften führte entstand die Idee innerhalb des KLANGKUNST-Diskurses über die Rezeption der künstlerischen Ästhetik eine Konfrontation von ethologischer Sinnesbiologie und anthropologischer Wahrnehmungspsychologie zu wagen. Dazu werden im Rahmen von Stare über Berlin nun künstlerische Positionen präsentiert, die unter Verwendung verschiedener Medien unterschiedliche Perspektiven der Rezeption von Vogelsang reflektieren. Anhand dieser Positionen sollen Wissenschaftler der systematischen Musikwissenschaft sowie der Ethologie (Verhaltensbiologie, -psychologie, –physiologie der Tiere) über Aspekte audiovisueller Wahrnehmung bei Mensch und Tier referieren und Einblick in die Methodik und Erkenntnisse wahrnehmungspsychologischer Versuchsreihen sowie der Ethologie und der sinnesbiologischen Forschung geben.
Durch die Konfrontation von künstlerisch-ästhetischen Positionen mit vergleichenden Untersuchungen über Mechanismen der Tierwahrnehmung und der Wahrnehmungspsychologie des Menschen werden sich Fragen der evolutionären Spezialisierung herauskristallisieren, die in drei thematisch gegliederten Podiumsdiskussionen mit Künstlern und Wissenschaftlern komparativ diskutiert werden sollen. Zusätzlich wird ein geschichtlicher Überblick über die Wechselbeziehung zwischen Natur und Kunst bzw. Vogelsang und Musik gegeben. Als Pendant dazu wird eine konzertante Darbietung die Symbiose von Vogelsang und neuer abendländischer Musik präsentieren.

Alljährlich bis zu 40.000 Stare im Zentrum Berlins auf der Museumsinsel im Kastanienhain zwischen Berliner Dom und Friedrichsbrücke.
Durch Filmaufnahmen aus dem Jahre 1914 lässt sich belegen, dass sich schon in jenem Jahr ein großer Schwarm Stare in der Dämmerung auf der Museumsinsel in dem Kastanienhain zwischen Dom, Alter Nationalgalerie und Friedrichsbrücke niedergelassen hat. Seither begeistern sich die Berliner sowie zufällig anwesende Touristen an dem allabendlich stattfindenden Schauspiel, wenn sich bis zu vierzigtausend Stare aus kleinen Gruppen mit einer scheinbar kunstvollen Choreographie zu einem großen Schwarm zusammenfinden und beim Umrunden der Domkuppel faszinierende Flugbilder kreieren, bevor sie in die angestammten Schlafbäume einfliegen und dort bis in die Nacht hinein konzertieren.
Im Sommer kann man sich von dem öffentlichen Interesse an diesem Ereignis im Herzen Berlins überzeugen; davon, wie viele Bürger Berlins dieses Schauspiel kennen und ihm bereits seit Jahren zuschauen und ihre eigenen kleinen Weisheiten dazu entwickelt haben.
Berlin hat dabei noch Glück, denn die Ansammlungen der Stare können auch zur Plage werden, wie das Beispiel Rom zeigt. Anstatt weiter nach Afrika zu fliegen überwintern die aus Schweden kommenden Stare seit einigen Jahren dort. Im Zentrum der Stadt nahe dem Hauptbahnhof, vorwiegend aber im Prati Distrikt zwischen Tiber und Vatikanstatt, verbringen bis zu vier Millionen Tiere Abend für Abend ihre Nachtruhe. (Die Einwohnerzahl Roms beträgt 3 Millionen.) Auch hier umrunden sie in einem großen Schwarm kurz vor dem Einfallen in die Schlafbäume eine große Domkuppel – die des St. Peter Doms.
In den USA sind die Stare als Immigranten ebenfalls bereits zu ungeliebten Gästen geworden. Eingeführt wurde der Sturnus Vulgaris (lat.: Europäischer Star) dort erst Ende des 19. Jahrhunderts von dem Industriellen und Shakespear-Fan Eugene Schieffelin, der alle Spezies, die in Shakespears Werken vorkamen, nach Nordamerika importierte. So wurden 1890 und 1891 insgesamt 100 Exemplare der Stare im New Yorker Central Park ausgesetzt. Heute ist die Population auf 200 Millionen Exemplare angestiegen, die andere Höhlenbrüter vertreiben und dadurch teilweise zum Aussterben bringen.
Ist darin eine Parallele zur Erfolgsgeschichte des Homo Sapiens zu sehen, der ebenfalls durch seine sprachlichen Fähigkeiten soziales Verhalten perfektionierte und so zum erfolgreichsten Lebewesen der Erde aufsteigen konnte?
Die Fähigkeit, das Verhalten von Artgenossen nachzuahmen, galt lange Zeit als eine besondere Domäne des Menschen. Dies macht es heute wichtig zu klären, wie auch Tiere Imitationsleistungen erbringen und welche Gedächtnismechanismen dafür erforderlich sind.
Stare, die in freier Wildbahn aufwachsen, imitieren die Rufe anderer Vögel und mischen diese in ihren Gesang mit stareigenen’ Elementen. Stare machen keine selektive Unterscheidung zwischen Klangereignissen, die sie wahrnehmen und nachahmen. So imitieren jene, die in freier Natur aufwachsen, neben anderen Vögeln auch Hundegebell, das Gackern von Hühnern oder das Röhren der Hirsche. Entsprechend ahmen die in städtischen Gebieten aufwachsenden Tiere zivilisatorische Geräusche nach, mit denen sie hier konfrontiert werden. Da Stare Höhlenbrüter sind, wachsen sie oft in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen in Brutkästen oder Asthöhlen in Gärten, Parks und in Mauerspalten der Häuser auf und nehmen so Geräusche wie Stimmen, Husten oder Niesen der Bewohner, Hunde, Radiosender, Telefonapparate, Autohupen, Martinshörner und Flugzeuglärm wahr. Die Kakophonie’ an den Sammelplätzen, wie die am Dom, müsste also entsprechend diverse Imitationen von Zivilisationsgeräuschen aufweisen.
Die Imitation von Stimmen und Geräuschen der Umwelt müsste demnach die Umgebung, in der die Stare leben, reflektieren. Durch die Wanderfreudigkeit der Vögel werden Klangsphären vermischt. Eine Verschiebung lokalspezifischer Klänge durch Stare findet statt, ohne dass die Menschen Anteil, Kontrolle oder Einfluss darauf hätten.
Um einen Eindruck vom Spektrum der Stimmfähigkeiten des Stares zu bekommen, recherchierte ich im größten Tierstimmenarchiv Deutschlands (Naturkunde Museum Berlin), das eine der ältesten und umfangreichsten Sammlungen von Lautäußerungen durch Tiere beherbergt. Hier finden sich über 40 Tonaufnahmen von Staren, unter anderem eine Schallplatte aus Russland, auf der ein Russisch sprechender Star zu hören ist. Über den kommissarischen Leiter des Archivs, Herrn Dr. Frommolt, kam ich zudem in Kontakt mit dem Cornell Laboratory of Ornithologe in Ithaka (New York), wo Gregory Budney die „Macaulay Library of Natural Sounds“ kuratiert. Auch hier existieren über 50 Samples von Star-Stimmen, die nunmehr kopiert und „Stare über Berlin“ zur Verfügung gestellt wurden.