Andreas Runte

Stare – Klingelton, der Klingeltonmarkt und Spekulationen über dessen Auswirkungen auf die Popmusik im jungen 21sten Jahrhundert

1. Der Stare-Klingetlon
2. Klingeltöne und der Klingetonmarkt
3. Auswirkungen

1.
Der Klingelton zum Stare-Syposium ist neuster Generation. Nach dem quäkenden einstimmigen Klingeltönen der ersten Generation von Handys wird jetzt bereits die noch gar nicht zum Standard gewordene mehrstimmige Generation von Synthesizer-Handys bereits wieder abgelöst von den neusten Typen, die, wenn auch in hörbar beschränkter Fähigkeit, Audiofiles abspielen können.
Das Handy des Typs Nokia 3650 ist eines der neueren Geräte und etwa seit Spätherbst 2003 auf dem Markt. Es ist in der Lage Audioaufnahmen zu empfangen, verarbeiten und als Klingelsignal einzustellen, die in propriäteren nur bedingt öffentlich zugänglichen Formaten vorhanden sein müssen. Die meisten Handyhersteller benutzen eigene Formate um die Exklusivität, und damit den Marktwert der „Ware Klingelton“ zu erhalten. Zu diesem Symposium werden die gängigen Formate auf einer „Wap-Seite“ im Handy-Internet bereitgestellt.
Der Handyklingelton stellt den Gegenpart zum auto-mobilen und unkontrollierbaren fliegenden Klangobjekt über der Museumsinsel dar: Der Star gibt hier für die interaktive Klanginstallation seine Stimme ab, die „auf Befehl“ ertönt. Implizit wird der Sinn des Klingeltons aufgehoben, da niemand dran gehen wird, sondern das Erschallen des Tones durch Anrufe von potentiell jedem Ort aus Ziel der Installation ist. Eigentlich ist normal den Ton zu hören um ihn auszuschalten, da nicht der Ton selbst, sondern eingehende Anruf der Hintergrund des Signals ist.

2.
Seriöse Schätzungen belaufen sich darauf das der Markt mobiler Unterhaltung, wozu neben Klingeltönen vor allem Spiele, Musik und Nachrichten zählen bis ins Jahr 2008 in Deutschland auf etwa 3 Milliarden Euro angewachsen sein wird. Schon jetzt verdienen MTV an eigenen oder Marktführer Jamba mit über zwei Millionen Download pro Monat immense Summen mit Klingeltönen.
Kurz soll skizziert werden wie der Klingeltonmarkt aufgebaut ist und wer woran mitverdient. Warum etwa die Musikindustrie die neusten Formen von „Real Music“ Klingeltönen und „Full Music Download“ fördern.
Die verschiedenen Stufen in der Entwicklung der Klingeltöne werden ebenfalls kurz erläutert um zu zeigen wie erst in kurze SMS verpackte Tonfolgen von komplexeren Midi-Steuer-Daten und neuerdings von mp3, bzw mp4 ähnlichen Formaten abgelöst werden die Audioaufnahmen wiederzugeben in der Lage sind.
Viele dieser Formate enthalten die Möglichkeit das Weiterversenden eines gekauften Klingeltons durch ein DRM (digital rights management) zu unterbinden. Trotzdem blüht die „Piraterie“ im Klingeltonbereich ebenso wie im P2P-Austausch digitaler Musikfiles. Klingeltöne werden in Paketen von ca. 600 bis 800 verschiedener Melodien bei Tauschbörsen wie Kazaa oder als Torrentfile für E-Mule angeboten.

3.
Der polyphone Klingelton, momentan die meistverkaufte Form des Klingelns aktueller Handys stellt eine teils näher teils entfernter gute Darstellung vorwiegend aus dem Popmarkt stammender Melodien dar. Das bereits seit 1982 zum Standard gewordene Musik-Geräte-Steuer Format MIDI (musical instrument digital interface) bildet die Grundlage der meisten Formate dieses Types.
Es ist zu diskutieren welche Auswirkungen ein so massiver Zuwachs von Repräsentationen von Musik in der Qualität einer Karaokemaschine der 1980er Jahre bewirkt. Rolf Zukowski etwa bemängelt das Fehlen der Möglichkeit des Mitsingens mit den aktuellen Hits durch die ständige Anwesenheit der Melodie aus dem Handy. Herbert Grönemeyer ließ seine Melodien per se durch seine Verlag von der Umsetzung als Klingelton sperren, da er einen Qualitätsverlust an seinen Werken befürchtet.
Der Spiegel sieht in der Minimierung des Anspruches von Komponisten die vorwiegend Handymelodien schreiben, etwa für Jamba oder MTV, und die darauf zielen in möglichst kurzen musikalischen Phrasen Widererkennbarkeit zu produzieren m. E. schon die übersteigerte Wahrwerdung des Ardono´schen Vorwurfs an die populäre Musik generell nur noch Signalcharakter und keinen ästhetischen Wert zu haben.
Musik ist durch das Handy noch präsenter als sie es schon vorher durch MTV, Radio und den Walkmannachfolger MP3-Player war. Das Handy assimiliert auch hier mehr und mehr dessen Aufgaben und wird zum universellen mobilen Konsumgerät. Es fehlen Ansätze dahin im großen öffentlichen Diskurs insbesondere die rein passive Position des Klingelton- und Musikkäufers zu reflektieren.

Foto © Cordia Schlegelmilch 2004